[Alexandra Stäheli in der NZZ über INLAND EMPIRE]
Hat David Lynch eigentlich jemals etwas anderes gemacht, als Selbst-Epigonentum zu betreiben? Hatte nicht schon «Eraserhead» wie in einer Muschelschale bereits das ganze Lynchsche Universum an Ängsten und Unheimlichem, an Bösem, Jenseitigem, Unbewusstem und Fadenscheinigem enthalten? Und haben dies die Lynchianer jemals anders zu würdigen gewusst als durch okkulte Rezensionspraktiken, mit denen der ganzen Sache unter Berücksichtigung von Psychoanalyse, Numerologie und Möbiusbändern ein transzendenter Sinn extrahiert wurde?
Nun, auch der jüngste, vom Regisseur als «work in progress» bezeichnete Film, INLAND EMPIRE der immerhin eine fast sechsjährige Entstehungszeit hinter sich hat, wartet wieder mit den von Aficionados so heiss verteidigten, von Skeptikern als langatmige Paranoia diagnostizierten Lynch-Ingredienzien auf, als da wären: vom Regisseur für Mystery-Auftritte zurechtmodellierte Darsteller; Zeitschlaufen, erzähllogische Paradoxa und Persönlichkeitsspaltungen; Bildallegorien wie etwa verschachtelte, den Bewohnern entfremdete Häuser, die hauptsächlich aus roten Vorhängen und einem Arsenal an Türen und dunklen Räumen bestehen - sowie ein betörender, banaler Mythos der Schöpfung des Bösen (und des Unbewussten).
Und schon sind wir mitten in der Geschichte der ehemals gefeierten Schauspielerin Nikki Grace (alle Register ziehend: Laura Dern), die mit dem neuen Film des Regisseurs Kingsley Stewart (Jeremy Irons) eine Chance für ein Comeback erhält. Kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten erfahren Nikki und Co-Star Devon Berk (Justin Theroux), dass der Film eigentlich ein Remake eines alten deutsch-polnischen Filmprojekts ist, das nicht beendet wurde, weil die beiden Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten starben. Und so kommt es denn, wie es in einem Lynch-Mystery- Thriller einfach kommen muss: Kaum stehen Nikki und Devon vor der Kamera, beginnt die zunehmend hypnotisiert wirkende Schauspielerin, sich nicht nur ihrer Rollenfigur Susan Blue, sondern scheinbar auch der früheren Darstellerin und deren Rolle anzuverwandeln - um fortan wie Alice auf einem Horrortrip im Wunderland ihrer eigenen Seele durch ein schier unentrinnbares Labyrinth aus Film und Realität, Traum, Vorherbestimmung und Vergangenheit zu stürzen.
Wie auch schon in «Lost Highway» und «Mulholland Drive» wird uns dabei Hollywood mit einer guten Portion Häme als Albtraumfabrik vorgeführt, die an der Vermischung der Realitätsebenen - an der Macht der Simulation, wie der Philosoph Jean Baudrillard gesagt hätte - kräftig mitwirkt. So ist es natürlich auch kein Zufall, dass eine der vielen Nikkis letztlich auf dem Walk of Fame niedergestochen wird, und zwar ausgerechnet auf dem Stern des Stars Dorothy Lamour, die hochbetagt im Horrorfilm «Creepshow 2» noch eine Hausfrau spielte, die umgebracht wird . . .
Und so müsste man denn den Oscar angesichts von Lynchs Werk zuallererst an die Figur der Selbstähnlichkeit vergeben, die in INLAND EMPIRE zuweilen für amüsant-skurrile Momente sorgt (wie etwa die bissige Verballhornung amerikanischer TV-Realität in Form einer Hasen- Soap), in dem 180-minütigen Schauerepos zuweilen aber auch für zähe und etwas billige Verdunkelungseffekte herhalten muss. Und überhaupt: Warum eigentlich spricht das Unbewusste nun plötzlich polnisch? Lynch sagt dazu nur: 47.
Alexandra Stäheli © 2007 NEUE ZÜRICHER ZEITUNG. Auf Wunsch von Mr. Lynch wurde die Namensnennung "Inland Empire" in INLAND EMPIRE verändert.
Monday, May 21, 2007
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